Justus-Liebig-Universität GießenInstitut für Angewandte Theaterwissenschaft
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Pressestimmen


»REICH UND BERÜHMT«

Karriere hinter der Bühne: Auch einige Uni-Studiengänge bringen inzwischen erfolgreiche Theatermacher hervor

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Bettina Masuch, 37, seit knapp vier Jahren Dramaturgin an der Berliner Volksbühne, einem der wichtigsten Theater des Landes, ist auf ähnlichen Umwegen ans Theater gekommen wie Stemann. Auch sie hat bereits in der Schule Theater gespielt, auch sie wusste nach dem Abitur nicht genau, was sie wollte, bewarb sich erfolglos auf Schauspielschulen und studierte erst mal Germanistik und Philosophie. Nebenbei jobbte die Studentin als Statistin und absolvierte Regiehospitanzen.
Der entscheidende Bewerbungsbrief ging an den damaligen Intendanten des Deutschen Theaters in Berlin, Thomas Langhoff, und von ihm kam auch die entscheidende Absage. Masuch hatte so ausführlich erläutert, weshalb sie bei ihm assistieren wollte, dass er der Analyse-Begabten vorschlug, lieber Dramaturgin zu werden. Kurz darauf begann sie das zwischen Theorie und interdisziplinärer Praxis changierende Studium der Angewandten Theaterwissenschaften in Gießen.
Zu den Absolventen des 1982 gegründeten Studiengangs zählen die gefeierten Dramatiker Moritz Rinke und René Pollesch, Autor Tim Staffel, der Regisseur Hans-Werner Kroesinger sowie die Mitglieder der Performancegruppen Gob Squad, Hygiene Heute und She She Pop. Diese Performancekünstler brachten immerhin den mächtigen "FAZ"-Kritiker Gerhard Stadelmaier dazu, Gießen "die größte Unglücksschmiede des deutschen Theaters" zu nennen.
Die Künstler ficht konservative Kritik kaum an. "Die Auseinandersetzung mit dem Theater begann für uns dezidiert mit dem 20. Jahrhundert und war immer eine Befragung auf die Gegenwart hin", erklärt Masuch. Philosophie wird diskutiert, man versucht, neue Theorien auf der Bühne umzusetzen. "Das Wesentliche war, dass das Theater in Gießen selbst von den Professoren nicht als ferner Forschungsgegenstand begriffen wurde, sondern als Werkzeug zur Weltbetrachtung." Dass Gießen eine eher langweilige Kleinstadt ist, erweist sich als Glücksfall. Die rund 100 Theaterstudenten, pro Jahr werden etwa 25 angenommen, bilden eine Gemeinschaft, die schnell kapiert, dass es dort nicht viel zu konsumieren gibt - und deshalb selbst produktiv wird. Denn wer für eine Theaterkarriere studiert, sollte schon an der Uni den Kontakt zur Bühne suchen.

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Bettina Masuch assistierte nach dem Diplom ein Jahr am Frankfurter Theater am Turm, arbeitete in Amsterdam, Berlin und Brüssel, unterrichtete in Mainz und Weimar und ging dann drei Jahre ans Theaterhaus Jena. "Es gibt ein Missverhältnis zwischen der Organisationsstruktur des Apparats und dem, was ästhetisch passiert", meint sie. "Die Theater sind noch Fürstenhöfe. Es ist nicht leicht, sich und seine künstlerischen Vorstellungen da durchzusetzen." Dramaturgie, sagt Masuch, funktioniere im besten Fall als Think Tank: Sie entwickelt im Team Ideen und Strategien für Produktionsprozesse, präzisiert, kontextualisiert und kommuniziert. Im Prater, der kleinen Spielstätte der Berliner Volksbühne, ist ihr das großartig gelungen: Für die aktuelle Spielzeit hat sie René Pollesch eingeladen, dort eine Serie von Stücken zu entwickeln. Die entstandene "Prater-Trilogie" ist zum Berliner Theatertreffen geladen. Genauso die Choreografie "Alibi" von Meg Stuart, die Masuch parallel in Zürich betreute - weshalb sie sozusagen mit vier Produktionen beim Festival vertreten ist.

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"Reich & berühmt", wie ein Nachwuchsfestival in Berlin heißt, werden die wenigsten allein mit einem Theater-Studium. Die wichtigste Voraussetzung für erfolgreiche künstlerische Arbeit, da sind sich Masuch, Schuppelius und Stemann einig, lernt man nur durch Machen, Scheitern, Machen, Bestehen: Es ist das Vertrauen in den eigenen Blick.