Justus-Liebig-Universität GießenInstitut für Angewandte Theaterwissenschaft
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Zur ‚Brauchbarkeit’ Bertolt Brechts: vom epischen Theater zum Lehrstück


von Prof. Heiner Goebbels und Tore Vagn Lid

Die Brechtrezeption der vergangenen fünfzig Jahre prägt nicht nur unsere Einschätzung von der Spielbarkeit seiner Stücke, sondern verengt auch den Blick auf viele möglicherweise hochaktuelle Aspekte seiner Theorie des epischen Theaters. “Unsere Erfahrungen verwandeln sich meist sehr rasch in Urteile. Diese Urteile merken wir uns, aber wir meinen, es seien Erfahrungen. Natürlich sind Urteile nicht so zuverlässig wie Erfahrungen. Es ist eine bestimmte Technik nötig, die Erfahrungen frisch zu halten, sodaß man immerzu aus ihnen neue Urteile schöpfen kann. Me-ti nannte jene Art von Erkenntnis die beste, welche Schneebällen gleicht. Diese können gute Waffen sein, aber man kann sie nicht so lange aufbewahren. Sie halten sich auch zum Beispiel nicht in der Tasche." (BB, S.451, Ges Werke Bd. 12 ). Im Rahmen dieses Seminars werden wir uns an „jener Art von Erkenntnis“ versuchen, die anhand einer Lektüre Brechtscher Texte selbst die Brauchbarkeit seiner Entwürfe untersucht und sie zu zeitgenössischen Aufführungen ins Verhältnis setzt: die experimentelle Ästhetik und der Brechtsche Materialbegriff, der Begriff des Gestus, das Lehrstücks als Inszenierungspraxis, Kritik des Musiktheaters (am Beispiel der Maßnahme), die institutionskritischen Aspekte der radikalen Trennung der Elemente (Unabhängigkeit der Mittel) u.a.