Justus-Liebig-Universität GießenInstitut für Angewandte Theaterwissenschaft
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Medientheorien


BA-04, BA-09
MA-01, MA-04

Die Forschungsrichtungen, die in den vergangenen Jahrzehnten unter dem Namen der „Medienwissenschaft“ versammelt wurden, sind dadurch ausgezeichnet, daß nicht nur ihre Methoden, sondern allein schon ihre Gegenstände vollkommen unterschiedlich, ja in höchstem Maße unsicher sind. Empirischen Medienforschungen stehen technik- und wissenschaftsgeschichtliche oder philosophische Ansätze gegenüber. Zum Teil werden „Medien“ vor allem als „Neue Medien“ verstanden, anderen Forschern gelten bereits Bild und Schrift als „Medien“.
Das Seminar möchte eine Einführung in die gegenwärtigen medienwissenschaftlichen Diskussionen geben. Dabei geht es jedoch von der Annahme aus, daß die Theoriebildung über die „Neuen Medien“ so neu gar nicht ist, sondern – und dies gerade als Rede von den „Neuen Medien“ – einen spezifisch abendländischen, genauer: römisch-christlichen Kern hat. McLuhans Satz „The medium is the message“ ist, so Michael Wetzel in einem Gespräch mit Jacques Derrida, „as Christian as you can get“; verdoppelt er doch den Ausspruch: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“. Medien sind in ihrer christologischen Funktion immer „neue Medien“, die die „alten Medien“ ablösen, überwinden und zugleich den alten Bund erneuern, sie sind Verkündigung der (frohen?) Botschaft.
Ausgehend von Aristoteles, den Evangelien und einigen Briefen des Paulus, möchte das Seminar die moderne Umformulierung des christologischen Narrativs in den Medientheorien Hegels und Marx’ nachvollziehen, um schließlich unter diesem Vorzeichen in der zweiten Hälfte kanonische Theorien der neuen Medien (Benjamin, McLuhan, Flusser, Debord, Kittler) auszugsweise zu lesen. Am Ende des Seminars soll die aktuelle Frage stehen, ob die Globalisierung tatsächlich mit Derrida als „Globalatinisierung“ begriffen werden kann: als weltweite Durchsetzung einer römisch–christlichen Medialisierung. Ein Ausblick auf gegenwärtige Medienpraktiken, die dies problematisieren, soll das Seminar (vorläufig) abschließen.

vorbereitende Lektüre: Jacques Derrida, „Above all, no journalists!“ in: Hent de Vries, Samuel Weber (ed.), Religion and Media, Stanford (CA) 2001: Stanford UP, S. 56 – 93.