Justus-Liebig-Universität GießenInstitut für Angewandte Theaterwissenschaft
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Georg Büchner


BA-ATW-ATW-03


Das Seminar versteht sich zunächst als eine Einführung in die Theatertexte Georg Büchners und in die Fragen ihrer Aktualität und Inszenierbarkeit heute. Es geht dabei jedoch von der Voraussetzung aus, daß Büchners literarische Texte nach dem Hessischen Landboten nicht zufällig „für das“ Theater geschrieben wurden, sondern – und dies schließt das Prosafragment Lenz ein – als Texte theatralisch sind. Sie stellen eine gebrochene Bewegung der Sprache aus, ihre Zäsuren und Rhythmisierungen, sie sind unhintergehbar polyphon und inhomogen – eben deshalb, weil aus ihnen eine Fülle von Singularitäten spricht, die sich nicht als bewußte Helden einer in sich geschlossenen Handlung verstehen lassen, sondern nur mehr als Kreaturen im Kreuzungspunkt der biopolitischen, juristischen und medizinischen Diskurse der anbrechenden Moderne. Jene Kreaturen teilen sich nicht in bewußten Reden mit, sondern in spezifisch theatralen Sprechformen und Sprech-Akten: In Dantons Tod inszenieren sich die Akteure der französischen Revolution durch Zitate, antikisierende Reden und ausgestellte Rhetorik; Woyzeck wird rhythmisiert von Dialekt, Volksliedern, Stottern, Sprech-Gesten; die puppen- und automatenhaften Akteure in Leonce und Lena äußern sich in zwanghaften Sprachspielen und Kalauern und Lenz wird durchzogen vom polyphonen und dinghaften Sprechen der Psychose.

Im Seminar sollen Büchners Texte gelesen und mit den politischen, medizinischen und juristischen Diskurse ihrer und unserer Zeit verknüpft werden. Zudem werden ältere und zeitgenössische Inszenierungen diskutiert und bei Interesse Möglichkeiten aktueller theatraler Auseinandersetzung mit Büchner reflektiert. Theaterbesuche sowie Einladungen von auswärtigen Experten und Künstlern sind geplant.