Justus-Liebig-Universität GießenInstitut für Angewandte Theaterwissenschaft
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Theorien des Tragischen


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Die Poetik des Aristoteles knüpft den kathartischen Effekt der Tragödie an die Gefügtheit des tragischen mythos (der Fabel) und seiner Wiedererkennungen und Peripethien. Die Inszenierung, die opsis, ist für Aristoteles dagegen „das Kunstloseste [...]. Denn die Wirkung der Tragödie kommt auch ohne Aufführung und Schauspieler zustande.“ Gegen seinen Lehrer Plato, der das Theater als ontologisch und politisch minderwertig verstand, will Aristoteles beweisen, daß es möglich sei, vom Theater zu lernen. Doch lernen kann man ihm zufolge eigentlich nur vom mythos, nicht aber von den eigentlich theatralen Mitteln: kaum von den rhetorischen Figuren, noch weniger von den Gesten der Schauspieler und erst recht nicht von der Musik, der Stimmen, den Kostümen; sondern einzig von der Handlung, die den Umschlag vom Glück ins Unglück eines guten Menschen zeigt.

Diese Privilegierung war wirkmächtig: „Tragisch“ war im folgenden die tragische Handlung – abweichend vom wahrscheinlichsten etymologischen Sinn des Wortes „Tragödie“ als „Gesang der Satyrn“. In Folge dieser Umdeutung legitimierte sich das abendländische Theater vor allem anhand der vermeintlich kathartischen oder moralischen Wirkung dieser Handlung gegen die (stets in gewisser Weise neo-platonische) Kritik, es rege einzig die Schaulust und die niederen Sitten an. Das „Tragische“ – als tragischer Mythos, als tragischer „Plot“ – wurde aus eben jenem Grund zum Vehikel fast aller prägenden Versuche, dem Theater eine lehrende, bildende, formende politische Funktion zu geben. Die Karriere dieses Begriffs führte zudem weit über das Theater hinaus.

Das Seminar möchte unter diesen Voraussetzungen moderne Theorien des Tragischen neu lesen und betrachten, wie in ihnen das Verhältnis zwischen dem „Tragischen“ und dem „Theatralen“, zwischen der Handlung und der Zurschaustellung (zwischen mythos und opsis) ausagiert wird. Die Positionen reichen von der politisch fatalen Definition des Tragischen als Wahrheitsgeschehen, das von jeder theatralen Zurschaustellung abstrahiert werden kann und als Schicksal eines Volkes erscheint (Heidegger) bis zu der Idee einer spezifisch modernen Theatralität, die aus der „Wiederaufnahme“ der Tragödie freigesetzt wird, aber nicht mehr „tragisch“ ist (Benjamin). Auf dem Weg zu diesen Positionen sollen zudem voraussichtlich Texte von Nietzsche, Fr. Schlegel, Hölderlin und Hegel gelesen werden. Neuere Infragestellungen und Relektüren der Theorien des Tragischen von Phillippe Lacoue-Labarthe, Jean-Luc Nancy, Samuel Weber, Christoph Menke und Hans-Thies Lehmann, die z.T. eine spezifisch tragische Theatralität zu denken versuchen, sollen das Seminar abschließen.

Das Seminar versteht sich vor allem als Theorieseminar. Ein Interesse an theoretischer Arbeit ist ebenso unabdingbar wie die Bereitschaft, Texte eigenständig vorzubreiten. Die Textportionen werden überschaubar sein; ihre jeweilige gründliche Lektüre ist jedoch für das Gelingen des Seminars unumgänglich.