Justus-Liebig-Universität GießenInstitut für Angewandte Theaterwissenschaft
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Theorien des Tragischen II


BA 02, 09
MA 01, 04

Das Seminar „Theorien des Tragischen“ untersuchte im Sommersemester anhand ausgewählter Texte der nachkantischen Tradition die folgenreiche Karriere des Denkens des „Tragischen“. Der Rückgriff auf die Tragödie und vor allem auf „das Tragische“, so ein Ergebnis des Seminars, erscheint in der Moderne – und in einer besonderen Weise in Deutschland – immer dann, wenn eine Auseinandersetzung mit demjenigen nötig wird, was dem modernen Subjekt in seinem Anspruch auf restlose Konstitution und Erarbeitung von Welt entgeht: mit den „objektiven Mächten“ (Schelling), dem „Tod“ als „jener Unwirklichkeit“ (Hegel), dem „Pessimismus“ (Nietzsche) oder dem „Unheimlichen“ (Heidegger). Die Theorien wurden dabei daraufhin befragt, inwiefern sie im Spiel halten, daß die Tragödie Theater war, Zurschaustellung, mimesis und ursprüngliche Wiederholung. Denn das politisch Fatale in der deutschen Tradition, „das Tragische“ zu denken, lag eben darin, daß versucht wurde, es aus dem theatralen Ereignis herauszupräparieren und zum „System des Handelns“ zu machen (wovor in diesen Worten schon Schelling gewarnt hatte): zum Leitfaden der Bewährung des deutschen Menschen angesichts der Übermacht des Schicksals.

Der zweite Teil des Seminars soll sich nun vermehrt zeitgenössischen Auseinandersetzungen mit dieser ambivalenten, vielleicht selbst tragischen Geschichte eines Gedankens widmen, der indes von grundlegendem Einfluß für das Verständnis der Moderne von sich war – vielleicht vor allem weil in ihm, so die kanonische These Peter Szondis, die „Dialektik“ ausgeprägt wurde. Einen großen Raum werden die Arbeiten des französischen Philosophen Philippe Lacoue-Labarthe einnehmen (u. a. „Ödipus als Figur“). Gelesen werden sollen zudem voraussichtlich Texte von Georges Bataille, Peter Szondi, Werner Hamacher, Alexander Kluge, Jacques Derrida und Christoph Menke. Im zweiten Teil des Seminars sollen dann zeitgenössische Arbeiten der darstellenden Künste untersucht werden, die sich vielleicht weniger auf die griechische Tragödie beziehen als vielmehr auf die – moderne – Idee des „Tragischen“. Möglich sind Arbeiten von Heiner Müller oder Klaus-Michael Grüber, aber auch Performances, z.B. aus der Body Art oder dem Wiener Aktionismus. Im Oktober ist ein Besuch von „Ödipus/Antigone“ in der Regie von Michael Thalheimer in Frankfurt geplant.

Das Seminar versteht sich als Fortsetzung der Veranstaltung vom Sommer; Studierende, die im Sommer nicht dabei waren, sind natürlich sehr herzlich willkommen. Am 17./18.10. soll ein Workshop stattfinden, bei dem die Ergebnisse des Sommers für die Neueinsteiger zusammengefaßt werden. Der Reader mit den im Sommer behandelten Texten liegt im Hiwi-Zimmer als Kopiervorlage bereit und sollte von den Studierenden, die im Sommer nicht dabei waren, vor dem Workshop durchgesehen und zum Workshop unbedingt mitgebracht werden. Der genaue Zeitrahmen und Ablauf des Workshops wird in der ersten Seminarsitzung gemeinsam abgesprochen.