Justus-Liebig-Universität GießenInstitut für Angewandte Theaterwissenschaft
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Theater und Sprachskepsis


GS/HS
BA 04, MA 04

Das Theater als Schauplatz der Sprache, aber nicht nur als Ort der Literatur, sondern als Schauplatz des Sprechens, als Ort, an dem sich Sprachhandlungen unmittelbar vollziehen: Die Problematik des schwierigen Spannungsverhältnisses zwischen dem Dramentext und seiner szenischen Realisierung ist von jeher tief im Bewusstsein von Theaterschaffenden, Kritikern und Theoretikern verankert. So sah Aristoteles die Inszenierung bekanntlich als „das Kunstlosteste“ und deshalb als zweitrangig an, da die Wirkung der Tragödie nebst Katharsis sich bereits bei der Lektüre vollziehen solle. Heute ist der Stellenwert der Bühnenumsetzung gegenüber der textlichen Vorlage meist deutlich höher: Spätestens im Zuge der Theaterreformen um 1900 und dem mit ihm einhergehenden Paradigmenwechsel auf dem Theater werden trotz der unterschiedlichen Ausformungen der verschiedenen Theaterutopien allgemeine Schlagworte wie ‚Entliterarisierung‘ und ‚Retheatralisierung‘ laut.

Doch auch über die Theaterreformen der Jahrhundertwende hinaus bleibt das Bewusstsein des Konflikts zwischen Text und seiner Theatralisierung bestehen. Hans-Thies Lehmann beschreibt ihn als latenten strukturellen Konflikt jeder Theaterpraxis, der im postdramatischen Theater schließlich oft zum bewusst intendierten Inszenierungsprinzip wird. Er kritisiert in diesem Zusammenhang zu Recht die in den Diskussionen häufig vorherrschende unreflektierte Gegenüberstellung von avantgardistischem Theater und Texttheater, die mit dem Oppositionspaar verbal/averbal einhergehen. Dabei ging es schon in den historischen Avantgarden sowie später bei den Theaterexperimenten der 1960er und 1970er Jahre nicht um eine radikale Abwendung von der Sprache, sondern lediglich um ihre Umwertung im Rahmen des theatralen Zeichenprozesses.

Im Seminar werden verschiedene Ansätze des Sprachumgangs im Theater in Bezug gesetzt zu einem sprachphilosophischen Diskurs, der um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert v. a. mit den Schriften von Friedrich Nietzsche einsetzt. Das Theater als Ort, an dem sich Sprache unmittelbar als Sprechakt in Gegenwart eines Publikums vollzieht, ist aufgrund ebendieses aktiven Einsatzes besonders gut geeignet, Sprache im Akt des Sprechens kritisch zu hinterfragen. Gerade das Theater der Avantgarde, dessen vorrangiges Kennzeichen darin besteht, Konventionen in Frage zu stellen und zu unterwandern, muss die Sprache als Ausdruck der symbolischen Ordnung und damit erst Grundvoraussetzung für Konventionen selbst ins Visier nehmen. Die im Seminar zu diskutierenden Sprachtheorien setzen sich u. a. mit den subversiven Mitteln auseinander, die die Unterwanderung von Sprache als starres und fest gefügtes Regelsystem, das die Gesellschaft strukturiert, ermöglichen.

Geplant ist die Auseinandersetzung mit Texten von Nietzsche, von Hofmannsthal, de Saussure, Wittgenstein, Lyotard, Kristeva, Finter sowie Marivaux, Kleist und Handke; außerdem mit Inszenierungen von Schleef, Abramović, Anderson, Pollesch, Thalheimer, Stromgrøn.