Justus-Liebig-Universität GießenInstitut für Angewandte Theaterwissenschaft
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Sterben lernen (Brecht)


GS/HS
BA 03
GKM

„Wir können euch nicht helfen.
Nur eine Anweisung
Nur eine Haltung
Können wir euch geben.
Sterbt, aber lernt.
Lernt, aber lernt nicht falsch.“

Badener Lehrstück vom Einverständnis


Das Seminar soll keine Überschau über Arbeit und Wirkung Bertolt Brechts versuchen und auch nicht summarisch die Frage nach seiner „Aktualität“ stellen. Sein Einsatz ist bescheidener: Es widmet sich ausschließlich den sogenannten „Lehrstücken“, die Brecht seit 1929 verfasste und zum Teil auf die Bühne brachte. Dass wir vom Theater lernen sollen, hatte schon Aristoteles im Sinn, an dem Brecht sich zeit seines Lebens rieb; und auch das bürgerliche Theater, mit dem Brecht ja brechen wollte, forderte die „ästhetische Erziehung des Menschen“. Was ist, diesen Modellen gegenüber, der spezifische Einsatz der Lehrstücke; was soll in ihnen gelernt werden?

Es ist, wie es scheint, eine Haltung; und zwar eine Haltung dem Unausweichlichen und Inkommensurablen gegenüber: dem Tod. Es soll das Sterben gelernt werden. Dieses Sterben-Lernen fasst Brecht mit dem berühmten Begriff des Einverständnisses. Gelernt werden soll dieses Einverständnis jedoch im Nachsprechen oder Nachsingen eines rhythmisch strukturierten, vorgeschriebenen Textes.

Im Seminar soll Brechts – vielleicht unmögliches – Projekt eines Theaters, das das Sterben lehrt, zunächst im Spannungsfeld zwischen vormodernen Einflüssen (Stoa; Gracían, Montaigne) und moderner „Thanatopolitk“ (Eva Horn) situieren. Dabei wird es auch darum gehen, Brecht in den „Verhaltenslehren der Kälte“ der Zwischenkriegszeit (Helmut Lethen) und ihrer Diskurse (Schmitt, Lukács, Benjamin) zu situieren. Dann aber soll detailliert das theatrale Dispositiv selbst untersucht werden: die Konfrontation von Chor und Einzelstimme; die rhythmische Fügung der Sprache in den Registern der Erhabenheit; das Verhältnis zwischen Text und Physis (der Darsteller wie der Sprache selbst); die ungeheuer gewalttätigen clownesken Zwischenspiele; die Zeitdehnungen und Wiederholungen; der Einsatz neuer Medien und Apparaturen; das Verhältnis von Text und Musik. In den Lehrstücken geht es, so scheint mir, weniger um die Exekution einer kommunistischen Lehre, die die bedingungslose Unterordnung des einzelnen fordert, als vielmehr um die theatrale Exposition der Kreatürlichkeit des Menschen. Letztlich stellt sich hier, im Angesicht eines nahenden Krieges, die Frage nach dem Verhältnis des Mediums Theater zum Tod.