Justus-Liebig-Universität GießenInstitut für Angewandte Theaterwissenschaft
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Theaterfeindschaft


BA 03, 04
MA 01, 04

Die europäische Tradition der Theaterfeindschaft ist lang. Man kann ohne Übertreibung behaupten, dass die erste ausformulierte europäische Philosophie – jene Platos – wesentlich durch die grundlegende Ablehnung des Theaters und der mimesis motiviert wurde. Fortan wird die Geschichte der Philosophie und der Wissenschaft immer auch die Geschichte ihrer Abgrenzung vom Theater sein. „Theater“ ist in der Tradition der Metaphysik immer dasjenige, was die Präsenz entwendet, das Wahre entstellt, die Sitten verdirbt, das Abwesende herbeiruft, die Zeit aus den Fugen bringt. Ex negativo entwickeln die theaterfeindlichen Texte so oft eine anspruchsvolle Theatertheorie.

Doch Theaterfeindschaft ist ein in sich gespaltener Affekt. Der Theaterfeind ist nämlich vom Theater besessen: Keineswegs ist es ihm egal, er denkt vielmehr an kaum etwas anderes. Er möchte es demaskieren, verbessern, reformieren, verwandeln. Die Geschichte der europäischen Theaterfeindschaft kann somit auch als Geschichte der ständigen Erneuerung des Theaters gelesen werden. In vielen theaterfeindlichen Texten tauchen aktuelle und wegweisende Visionen eines „anderen“ Theaters auf.

Im Seminar werden voraussichtlich u.a. Texte von Plato, Augustinus, Nicole, Rousseau, Breitinger, Marx sowie Positionen des 20. und 21. Jahrhunderts (z.B. Austin, Debord, Deleuze) diskutiert.