Justus-Liebig-Universität GießenInstitut für Angewandte Theaterwissenschaft
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DER REIZ DES NEUEN Überlegungen zu den Begriffen Form, Stil und Experiment


BA 04, BA 05, MA 01

Forschungs- und Lektüreseminar

"1. Sitzung am 25.10., 16h c. t.
obligatorische Lektüre: Boris Groys, Über das Neue, Seiten 23-63.

Nachfragen und Anmeldungen an janphilippschulte@gmail.com."

„Das Neue ist nichts weiter als eine Irritation an der Stelle, an der es seinen Ausgang genommen haben wird – man kann es nur im Modus der vergangenen Zukunft ansprechen.“ – so der Wissenschaftshistoriker Hans-Jörg Rheinberger. Was aber geht vor an ebenjener Stelle, an der eine nur scheinbar festgefügte Form sich zur kreativen Transformation anschickt und, momentan, ereignishaft, kurzfristig ein so genanntes Neues entstehen kann – ob nun in Wissenschaft, Kunst oder bei der Konstitution des Subjekts? Inwieweit ist das Neue abhängig vom Konventionellen, von dem es sich einerseits absetzt, welches aber andererseits vonnöten ist, um Differenzen zu ihm überhaupt erkennen zu können? Und: Was ist dieses herausfordernd Reizvolle am Neuen – oder gibt es das gar nicht, und wir sitzen hier nur einer marktökonomisch orientierten Werbesprache auf?

Drei Begriffe dienen dem Seminar als vorläufige Ausgangspunkte für eine Suchbewegung, die sich diesen Fragen stellt. Da ist zunächst der Terminus des Experiments, wie er in Wissenschaft und Kunst gleichermaßen Verwendung findet. Er zeichnet sich aus durch eine paradoxale Doppelstruktur: Während die einen (z. B. Karl Popper) fordern, jeder Experimentator müsse die möglichen Ergebnisse seines Forschungssystems im Vorhinein formulieren, weil es nur so begrenzt und zielbewusst gehalten werden kann, weisen andere (Adorno, Rheinberger) auf die generelle Unvorhersehbarkeit des Experimentellen, verstanden als „Maschine zur Herstellung von Zukunft“ (Jacob) hin: dass nur durch unvorwegnehmbare Ereignisse Wissen und Erfahrung produziert werden kann, die wir noch nicht haben. Ein ganz ähnliches Paradox des Ein- und des Ausfügens begleitet den Begriff des Stils spätestens seit dem 19. Jahrhundert. Ursprünglich als „Manier“ verstanden, bezeichnete er die Art und Weise, wie etwas Bestimmtes zu sein hat, um als etwas Bestimmtes erkannt zu werden. Eine „Stil-Revolution“ nun, die zumindest im Bereich der Literatur die zweite Tendenz begründet, sieht A. Assmann beispielsweise im England des 18. Jahrhunderts, wo eine zunehmende Alphabetisierung dazu führte, dass die Masse des religiösen Schrifttums immer mehr durch neuartige profane Genres verdrängt wurde und somit auch der Literaturkritik einen deutlichen Aufschwung bescherte. Eine zweite Dimension des Stilbegriffs erlebte hier ihr noch zaghaftes Entstehen: Stil als individuelles Sich-Ausfügen aus dem System, als Regelabweichung, als „besiegte Erwartung“ (Jacobson) – Stil entsteht, wenn ein Versuch der Manifestation von gesteigerter Eigenheit (Assmann) unternommen wird. Form schließlich ergänzt die Begriffstrias auf abstrakterer Ebene: Wie kann und wird, z. B. in der darstellenden Kunst, mit Potentialitäten umgegangen, die in der Lage sind, Verschiebungen und Differenzen des Gegebenen zu erzeugen?

Im Seminar setzen wir uns auseinander mit Texten von Francis Bacon, John Cage, Theodor Adorno, Lydia Goehr, Hans-Jörg Rheinberger, Heiner Goebbels, Georg Simmel, Michel Foucault, Jacques Derrida, Gilles Deleuze, Aleida Assmann Niklas Luhmann, Louis Althusser, Judith Butler und Bojana Kunst. Der Bezug zu Theater und Performance Art wird laufend hergestellt durch Arbeiten von Ivana Müller, aktör&vänner, Antonia Baehr, Xavier Le Roy, Massimo Furlan u. a.