Justus-Liebig-Universität GießenInstitut für Angewandte Theaterwissenschaft
MENU
DE EN

Realer als die Realität: Illusionen im zeitgenössischen Theater


BA 04, MA 01


Wenn in Bezug auf Theater von Illusion die Rede ist, denkt man in der Regel nicht ans zeitgenössische Theater. Schließlich ist gegen das, was gemeinhin unter ,Illusion‘ verstanden wird, seit den Experimenten der historischen Avantgarden und Bertolt Brechts anti-illusionistischen Forderungen und Maßnahmen einiges unternommen worden. Die Realität der Aufführungssituation ist in den Fokus der Theaterpraxis gerückt, d.h. wenn im zeitgenössischen Theater fiktive Realitäten dargestellt werden, dann geht es so gut wie immer und meist selbstverständlich auch darum, die Realität dieser Darstellung mitzuzeigen. Darüber hinaus hat insbesondere die Entwicklung postdramatischer Theaterformen bewiesen, dass sich nicht nur auf den von Brecht kritisierten Illusionismus des bürgerlichen Theaters verzichten lässt, sondern auch auf die – ob nun illusionistische oder verfremdende – Darstellung fiktiver Realität als solche. Anstelle dieser Darstellung ist im postdramatischen Theater – wie Hans-Thies Lehmann schreibt – „die bewußte Wahrnehmung des Kunstvorgangs selbst [...] in den Vordergrund“ getreten. Doch Lehmann weist auch darauf hin, dass der Begriff der Illusion deshalb keineswegs obsolet geworden ist bzw. hier nicht einfach von einem Prozess der Desillusionierung die Rede sein kann.
Dieser Hinweis ist im Hinblick auf aktuelle Entwicklungen (nicht nur) der szenischen Kunst von besonderem Interesse. Denn gerade dort, wo sich die zeitgenössische Kunst mit der Wahrnehmung des Kunstvorgangs bzw. der Aufführungsrealität auseinandersetzt, ist zu beobachten, dass die Erzeugung von Illusionen durchaus häufige Verwendung findet: Vorproduzierte Video-Aufzeichnungen werden als vermeintliche Live-Wiedergaben inszeniert, Performer bewegen ihre Lippen zu Playback-Stimmen, Körperteile scheinen sich von selbst zu bewegen oder Nachbildungen von Gegenständen wirken täuschend echt. Zwar geben sich diese Illusionen in der Regel als Illusionen zu erkennen, d.h. entweder werden sie von vornherein als Illusionen ausgestellt oder es handelt sich bei ihnen um Täuschungsmanöver, die sich im Nachhinein als solche entpuppen. Doch lösen sie sich deshalb nicht einfach auf. Vielmehr resultiert gerade aus ihrer Ausgestelltheit eine Wirkung, die sich mit Slavoj Žižek als ‚Dissoziation von Realität und Realem‘ beschreiben lässt: Sie sind insofern ‚realer als die Realität‘, als in ihnen das Reale zum Vorschein kommt, d.h. jener Teil der Realität, der „durch die Phantasie ‚transfunktionalisiert‘“ und „in einem fiktionalen Modus wahrgenommen wird“.
Das Seminar geht also der Frage nach, welche Rolle Illusionen im zeitgenössischen Theater gerade im Zusammenhang der Auseinandersetzung mit der Realität der Aufführungssituation spielen. Und es geht von der Hypothese aus, dass diese Rolle darin besteht, den – so Žižek – „Anteil der Fiktion an der ‚realen‘ Realität“ erfahrbar zu machen.