Justus-Liebig-Universität GießenInstitut für Angewandte Theaterwissenschaft
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zu/Hören. Zur Frage der akustischen Wahrnehmung.


(BA 03; BA 04; BA 10 MA 01; MA 03; MA 04; MA 05)

Gegenüber dem Sehen gilt das Hören stets als nachgeordnete Wahrnehmungsweise. Wo immer den Sinnen Erkenntnisfähigkeit zugeschrieben wird, referiert diese primär auf dem blickenden Auge, auf der begreifenden Hand. Dabei ist Hören die einzige Sinnesmodalität, welche das menschliche Subjekt bereits vor seiner Geburt erfahren kann und die über den unmittelbaren Raum des Mutterleibes hinausreicht. In jüngerer Zeit erlebt die Akustik jedoch eine eminente Aufwertung. Ambitionierte Forschungsprojekte versuchen der bislang dominierenden Signifikation eine Theorie und Praxis der Sonifikation entgegenzuhalten; auch in der Kulturwissenschaft zeichnen sich die Konturen eines acoustic turn ab.
Da der Gehörsinn wie kaum eine andere Wahrnehmungsweise auf die Verschränkung von Innen und Außen aufmerksam macht und so die Dichotomie von Sub- und Objekt, von Produzent und Rezipient infrage stellt, erscheint es schlüssig, daß zeitgenössische Forschungen zum Gehör häufig auf phänomenologischer Philosophie basieren. Doch wie auch die anderen Sinnesmodalitäten ist Hören nur als eine kulturell modifizierte Technik zu denken, worauf die Präfixe zu- oder Ge- (hör/en) eindringlich hinweisen. Im Falle des Hörens ist ebenso davon auszugehen, daß ein Cogito maßgeblich für Orientierung sorgt. Deshalb stellt Helmuth Plessner dem ,Schematismus‘ des Sehens auch den ,Thematismus‘ des Hörens beiseite und erklärt die akustische Wahrnehmung zu einer aktiven Tätigkeit. Dies wirft allerdings die Frage auf, woher das Hören seine Muster nimmt, oder konkret: was die Ohren justiert und aktiviert.

Wie Theorie, so ist auch Theater maßgeblich der visuellen Dominanz verhaftet. Doch Theater ‑ im europäischen Kulturraum primär als Schauereignis, als Spektakel verstanden ‑ wird über seine optische Komponenten nur unzureichend erfaßt. Der englische Terminus audience oder das lateinische persona machen deutlich auf die akustische Komponente dieser Kunstgattung aufmerksam. Erst durch die Wechselwirkung von visuellen Signalen, akustischen Emanationen und weiteren kinästhetischen Perzeptionen entwickelt das Theater seine volle Kraft. Dieses wechselseitige Spiel birgt wiederum die Möglichkeit, über die Prägungen der einzelnen Wahrnehmungsmodalitäten nachzudenken.

Diese Überlegungen nimmt das Seminar zum Ausgangspunkt, um sich auf die Suche nach den möglichen Dispositiven der akustischen Wahrnehmung zu machen und in Folge jenes Spiel zu reflektieren, welches im Rahmen der Kunst mit diesen Dispositiven getrieben wird.


Literatur zur Einstimmung:
Petra Maria Meyer (Hg.): acoustic turn. München 2008