Justus-Liebig-Universität GießenInstitut für Angewandte Theaterwissenschaft
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Ὀρφεύς. Überlegungen zu Gebrauchs- und Tauschwert der Stimme.


BA 03, BA 10, MA 01, MA 04

Orpheus zieht in die Unterwelt, um seine Angetraute Eurydike ins Leben zurückzuholen. Hades läßt sich milde stimmen, knüpft die Rückerstattung jedoch an die Bedingung, daß Orpheus sich nicht umwenden, nicht zurückblicken darf. Der Mythos erzählt folglich von einem Tausch: Stimme gegen Leben, Ohr gegen Auge, symbolisches Gesetz gegen imaginäres Begehren, Fortschritt gegen Rückblick.
Auch die Gesetze des Theaters werden maßgeblich durch den Tausch konturiert: im Rahmen der Bühne stehen Stimme und Blick, Ohr, Auge und Mund, Symbolisches, Reales und Imaginäres zur Disposition und werden gegeneinander vertauscht. Es ist daher weniger Koinzidenz denn Konsequenz, daß der Orpheus-Mythos den Ursprung des Musiktheaters markiert und bis heute immer wieder aufgegriffen wird: Monteverdi, Gluck, Offenbach, Berlioz, Cocteau und unlängst Peaches - um nur einige wenige zu nennen - nehmen die mythologische Figur zum Ausgangspunkt, um ihrerseits verschiedene Formen des Tausches im Rahmen der Bühne zu propagieren. Allen Versionen ist gemeinsam, daß die Stimme hierbei sowohl zur Währung als auch zur Ware des Handels wird.
Der Blick auf die verschiedenen historischen und gegenwärtigen Varianten des Orpheus-Mythos erlaubt, das Verhältnis von Stimm-Akt und Sprech-Akt grundlegend zu reflektieren und anhand konkreter Beispiele zu analysieren. Lassen sich vermittels der Stimme die Gesetze des Realen suspendieren? Oder zementiert die Stimme durch ihren Gebrauch umgekehrt die Gesetze des Symbolischen? Kann vermittels der Stimme tatsächlich ein (Aus)Tausch stattfinden? Oder handelt es sich hierbei um eine imaginäre Anordnung?

Im Seminar sollen diese Überlegungen zur Diskussion gestellt und die Teilnehmenden zur weiteren Theoretisierung animiert werden. Ein Leistungsnachweis kann über ein Kurzreferat, ein Sitzungsprotokoll oder über das Verfassen einer Hausarbeit erworben werden. Regelmäßige Teilnahme ist Voraussetzung.