Justus-Liebig-Universität GießenInstitut für Angewandte Theaterwissenschaft
MENU
DE EN

Gemeinschaften


BA 04, BA 05, BA 06, MA 01, MA 02, MA 04

Die Veranstaltung kann entweder als Seminar oder als Szenisches Projekt angerechnet werden. Seminarteilnehmer besuchen den Kurs jeden Dienstag im Semester in der Regel zwischen 16.15 und 17.45h. Projektteilnehmer besuchen das Seminar und voraussichtlich ab Ende Oktober zusätzlich noch die sich immer wieder anschließende Projektzeit (bis 19.45h) sowie einige Projekttage nach der Vorlesungszeit. Scheinerwerb im Rahmen des Seminars ist mit einem Referat nebst schriftlicher Ausarbeitung oder einer Hausarbeit möglich, im Rahmen des Szenischen Projekts mit einer künstlerischen Arbeit.

Fragen nach der Notwendigkeit, der Möglichkeit und den Gefahren von Gemeinschaftsbildung waren mit dem Theater in seinen unterschiedlichen Ausprägungen von Anfang an eng verbunden. Eine grundlegende Ambivalenz kennzeichnet dabei die philosophische Tradition der Gemeinschaftsidee: Während einerseits immer wieder die Notwendigkeit einer Gemeinschaft für ein friedliches, kollektives Leben herausgestellt wurde und wird, haben sich auf der anderen Seite vor allem nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Untergang des „Dritten Reichs“ verstärkt theoretische wie künstlerische Ansätze herausgebildet, die angesichts seiner Vereinnahmung durch eine totalitäre, völkische Ideologie skeptisch mit dem Begriff der Gemeinschaft umgehen. Vor diesem Hintergrund wollen wir in dem kombinierten Seminar/Szenischen Projekt „Gemeinschaften. Konstitution und Inszenierung“ die Chancen und Risiken des Kollektivs – als Denkfigur wie auch als Arbeitsform – erörtern und erproben. In welchem Verhältnis stehen Gemeinschaft und Theater, Gemeinschaft und Gewalt, Gemeinschaft und das mit ihr Unvereinbare? Entstehen und existieren Gemeinschaften ausschließlich in ihrer Inszenierung? Wie lassen sich utopische Aspekte des Gemeinschaftsbegriffs gegen machtgestützte Rituale politisch-sozialer Identitätsstiftung retten?

Diese und andere Fragen wollen wir anhand philosophischer Positionen seit Thomas Hobbes und künstlerischer Herangehensweisen seit der Griechischen Antike diskutieren. Das Seminar ist unterteilt in drei thematische Blöcke: „Gemeinschaft und Gewalt“, „Die undarstellbare Gemeinschaft?“ sowie „Gemeinschaft und Unvereinbares“. Der erste Block dreht sich um Theorien, die Gemeinschaftsbildung als alternativlose Notwendigkeit ansehen, als einzige Chance, dass der Mensch dem Menschen nicht Wolf ist. Im zweiten Block widmen wir uns Theorien und Stücken, die, desillusioniert durch die Pervertierung der Gemeinschaftsidee im Dritten Reich, dennoch nach Wegen suchen, wie ein Gemeinsames-trotz denkbar sein könnte. Und im dritten Block beschäftigen wir uns ausführlicher mit dem, was einer Gemeinschaftsbildung zum Opfer fällt, was ausgeschlossen wird und doch immer wieder vorkommt. Wir lesen Texte von Hobbes, Roberto Esposito, René Girard, Maurice Blanchot, Jean-Luc Nancy, Giorgio Agamben, Hans-Thies Lehmann, Helmut Lethen und Julia Kristeva. Dazu diskutieren wir über Inszenierungen des Kollektiven bei Aischylos, Bertolt Brecht, Einar Schleef, René Pollesch, Rimini Protokoll, Auftrag : Lorey und Susanne Zaun.

Das darauf aufbauende Szenische Projekt bietet Zeit und Raum für eigene künstlerische Versuche, die ästhetische Potentiale des Arbeitens in oder mit Kollektiven ausloten sollen. Ziel ist es, ein gemeinsames Projekt zu entwickeln, welches die unterschiedlichen Ansätze und Herangehensweise zusammenbringt. Eine Aufführung des Projektes im März ist geplant.