Justus-Liebig-Universität GießenInstitut für Angewandte Theaterwissenschaft
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Mise en place und mise en scéne. Zur Theatralität des Essens.


BA 05, MA 04, 05, CuP 08, 09

Dem russischen Theatermacher und-theoretiker Nikolai Evreinov (1879-1953) nach ist der Mensch
durch einen vorästhetischen Trieb determiniert, welcher die konkrete, reale Erfahrung an die subjek-tive und imaginäre Vorstellung anpaßt. Dieser Trieb – genaugenommen eine schöpferische Transfor-mation zum Zweck der Wahrnehmung, von Evreinov als ,Theatralität‘ bezeichnet – gehörte seiner Ansicht nach nicht nur zu den Grundlagen menschlichen Verhaltens, der Wille zum Theatralen sei,
so Evreinov, sogar wichtiger und charakteristischer für den Menschen als die Suche nach Nahrung.
Doch Evreinovs Argumentation geht fehl, indem sie das Bedürfnis nach Imagination gegen das Be-dürfnis nach Nahrung ausspielt. Gerade in den Akten des Essens wird dieses vorästhetische, transfor-mierende Prinzip deutlich. Die Nahrungsauf- und einvernahme weist stets einen bedeutungstragenden und ästhetischen Index auf und läßt sich nicht auf ihre materielle Basis respektive das organische Be-dürfnis reduzieren. Die Triebe nach Nahrung und nach ,Theatralität‘ stehen demnach weniger in einer konfrontativen Spannung, sondern erweisen sich ineinander verschränkt. Von daher erscheint es nur logisch, daß die Akte des Essens bis heute mit rituellen oder ästhetischen Transformationsprozessen einhergehen und sich entsprechend häufig in und als (darstellende) Kunst niederschlagen.

Heute werden diese Transformationsprozesse zunehmend an technische Apparaturen delegiert, welche sowohl die materielle Basis als auch das organische Bedürfnis kaschieren. Der Rückgriff auf das Rohe hat zwar immer noch zentralen Stellenwert im Rahmen der Ernährung, entscheidende Akte der Zu- und Aufbereitung werden mittlerweile in die Produktion von Lebensmittel verlagert. Das Gekochte stellt wiederum nicht mehr den einzig denkbaren Endpunkt dieser Transformation dar, dienen Lebens-mittel doch zunehmend auch anderen Zwecken, wie bspw. der Spekulation oder als Treibstoff. Alleine das Verdorbene behauptet unvermindert seine Qualität und bildet nicht selten den Ausgangspunkt für hochgradig ideologische Debatten. Nicht zuletzt diese weisen die Frage der Ernährung und somit die Frage des Geschmacks als eine eminent politische aus.
In der postmodernen Gemengelage scheint das vorästhetische Prinzip ,Theatralität‘ Oberhand gegen-über dem Bedürfnis nach Nahrung zu gewinnen. Immer stärker von Inszenierungsstrategien und Öko-nomisierung dominiert, werden die Akte des Essens zu einem Nebeneffekt des Spektakulären. Grund genug, diese einer fundierten Reflexion zu unterziehen und einige Elemente der ,mise en place‘ für eine mögliche ,mise en scene‘ herauszuarbeiten.

Das Seminar wird im WiSe 2013/2014 von einem szenischen Projekt unter der Obhut von Björn Mehlig ergänzt.


Zur vorbereitenden Lektüre empfohlen: Dorothea Kimmich, Schamma Schahadat (Hg.): Essen. ZfK – Zeitschrift für Kulturwissenschaften, 1/2012.