Justus-Liebig-Universität GießenInstitut für Angewandte Theaterwissenschaft
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LIVING IN ABSURDISTAN: Camus und Ich, die Pest.


BA 05
MA 01, MA 04

Seminar mit Exkursion

Wie ist der Andere wenn Nicht Ich?
In aktuellen Produktionen von zum Beispiel anerkannten zeitgenössischen Theatermachern wie Jerôme Bel (Disabled Theatre) oder jungen Künstlergruppen wie dem Künstlerkollektiv Monster Truck (Dschingis Khan) arbeiten Künstler mit Down-Syndrom mit sog. nicht-behinderten Menschen zusammen. Diese Begegnungen stellen die Frage z.B. nach Avantgarde, Dramaturgie, Authentizität, und den gesellschaftlichen Funktionen von Theater und seinen Mitteln heute neu: Zwar ist das Theater immer schon Verhandlungsort eines bislang ungesagten gesellschaftlichen Heterogenen gewesen, doch treffen diese Produktionen den Nerv eines allgemeinen, zeitgenössischen Wirklichkeitsempfindens, das den Einzelnen in seiner Wahrnehmung von Sich und Welt offen legt, auf eine besondere Weise.
Jenseits des Theaterdiskurses beziehen sich die Theatermacher strukturell auf Konzeptionen von Diversität (ein derzeit so beliebter, dennoch oft grausam sinnentleerter Begriff!), provozieren gesellschaftliche Diskussionen um Vielfalts-, Inklusions- und Heterogenitätsthematiken und stellen die große Frage nach dem Miteinander im allgemeinen: Dieses Theater bringt gesellschaftliche Außenseiter auf die Bühne und reflektiert, welchen Bezug zum Anderen wir uns auf welche Art und Weise herzustellen erlauben. Dass es dabei immer auch um implizite, wirklichkeitskonstituierende Machtverhältnisse durch Blick, Körper, Sprache, Geste, Bewegung usw. geht, scheint offenkundig.
Im Seminar werden wir diese komplexen Themenfelder multiperspektivisch aufarbeiten, diskutieren und uns rückbesinnen auf theaterhistorische Texte und Konzeptionen, die in Zeiten sozio-politischer Krisen, v.a. des Nachkriegs-Europas, ähnliche Motive teilen: Ausgehend vom Begriff des Absurden in der Konzeption von Albert Camus und exemplarischer Einzeltexte aus dem Kontext des Existentialismus und des Theaters des Absurden werden wir DIE PEST zum Anlass nehmen, ein Denkmodell für das Verständnis gesellschaftlicher Verhältnisse zu etablieren. Dabei sollen folgende Themenfelder besprochen werden (erweiterbar, je nach Absprache mit den Teilnehmer_innen) :

•Die Pest und ihre Phänomenologie: analytisch-theatrale, medizinhistorische Analyse
•Die Pest, die Macht, die Disziplinargesellschaft (Michel Foucault)
•Das Theater und die Pest (Antonin Artaud)
•Außenseiter und Notwendigkeit
•Ökonomie(n) einer Sprache des Anderen
•Überlegungen zur Immunisierung der Gesellschaft (vgl. Isabelle Lorey)

Das Seminar wird vollständig durch eine Exkursion, voraussichtlich nach Berlin, um einen ersten Kontakt zu Künstlern mit Down-Syndrom anzubahnen. Es ist eine szenisch-künstlerische Arbeit zur Thematik im Sommersemester 2014 in Planung. Wer möchte, kann das Seminar sinnvoll verbinden mit meinem Lehrangebot im Bereich Außerfachliche Kompetenzen (AfK-Nr. 511), „Diversität sozialer Spiel- und Lernformen“.

Zur Vorbereitung: Albert Camus, „Der absurde Mensch“, in: ders., Der Mythos des Sisyphos, 2011/1942), S. 81 – 109. Weitere Infos, Seminarplan und Literaturhinweise in der ersten Sitzung.