Justus-Liebig-Universität GießenInstitut für Angewandte Theaterwissenschaft
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Das Rohe und das Verdorbene.


BA 11, BA 06, BA 09, BA 10
MA 04, MA 02


"Gerade weil es - zumindest in unserer Gesellschaft - nahezu überall und jederzeit in allen möglichen Formen verfügbar ist, zeigt sich das Essen kaum mehr als physiologische Notwendigkeit. Vielmehr ist es ein Akt sozialen und kulturellen Handelns: Indem man isst, was, wo, wie man isst, positioniert man sich, ob man will oder nicht, in einem Feld, in dem sich die unterschiedlichsten gesellschaftlichen Diskurse kreuzen: ob über Gesundheit, Körperbild, Bildung oder Selbstoptimierung, Entsagung, Mäßigung und Exzess, kulturelle Identität, Globalisierung, Bioethik, Technologie oder Ökonomie. Das Lebens- als Genussmittel ist geächtet. Als Gourmet erweist sich, wer Dinge zu verkosten weiß, die andere für ungenießbar halten."
So oder ähnlich könnte der Begleittext zum Programm eines Theaterfestivals unter der Überschrift "The Raw and the Rotten" lauten. Wenngleich die Kuration einen Aufgabenbereich bezeichnet, der die längste Zeit dem klassischen Dramaturgen zufiel, so lässt sich doch beobachten, dass mit der Etablierung des Kuratierens als eigenständiges Tätigkeitsfeld auch im Theaterbetrieb eine verstärkte Tendenz zu Aus- und Einrichtung von themenbezogenen Festivals und Motto unterstellten Spielzeiten einhergeht.
Die Gefahr, dass die innerhalb solcher Rahmensetzungen konzipierten und präsentierten Kunstwerke die aus der Aktualität einer gesellschaftlichen Debatte abgeleitete Relevanz bloß beleihen, um sich der eigenen Bedeutsamkeit und Existenzberechtigung zu versichern, ist recht groß. Der Kontext eines gesetzten Themas befreit nicht von, sondern verstärkt die Bedeutsamkeit der Form, in der das Kunstwerk sich präsentiert, indem es zeigt, was auf andere Art und Weise - als Vortrag, als Essay oder Schlagzeile u. a. - so nicht hätte gesehen werden können.
Thematische Vorgaben können aber auch einen Widerstand bilden, der produktiv die eigenen ästhetischen Strategien kreuzt und Auseinandersetzungen anstoßen, die zu einem Material oder einer Struktur führen, die die künstlerische Arbeit erweitern. In diesem Sinne soll im Laufe des Semesters ein künstlerisches Format entwickelt und anschließend - nach einer intensiven Probenwoche voraussichtlich in der vorlesungsfreien Zeit im April - präsentiert werden.
Das Rohe und das Verdorbene bilden (insofern Einigkeit zumindest darüber besteht, dass das Lebendige unter das Essenstabu fällt.) die beiden extremen Pole, in denen sich die Dinge zeigen, wie sie sind: "naturbelassen", d. i. auch barbarisch und wild. Offenbar jenseits jeder Prägung durch gesellschaftliche Normen oder ihrer Be- und Verarbeitung durch den Menschen. In beiden Begriffen steckt sowohl das romantische Ideal des Unverfälschten als auch die Furcht vor dem Unkontrollierten, dem was sich den gesellschaftlichen Konventionen entzieht.
Selektieren, präparieren, tranchieren, sezieren, konzentrieren, reduzieren, konservieren, kombinieren, drapieren, arrangieren - die kulturellen Techniken des Zubereitens sind immer auch gewaltsame Akte, v. a. der Reduktion und der Komposition. Gewaltsam wird das Rohe seinem natürlichen Fäulnisprozess entzogen, um es schließlich zu einem selbst gewählten Zeitpunkt auf eine selbst gewählte Art und Weise selbst zu verzehren. Das Rohe wird zum Rohmaterial; der Mensch befreit aus der unmittelbaren Abhängigkeit dessen, was die Natur zur Verfügung stellt. Ob als steril gepackte Fleischwurst oder Menüfolge, die über Duft und Arrangement unsere Sinne anspricht: Die Zu- und Aufbereitung von Speisen, ob sie schließlich in ihrem Verzehr, im Verzicht oder auch in ihrer Vernichtung gipfelt, inszeniert sich als Triumph der menschlichen Tätigkeit über die Natur.
Ganz so wollen wir das nicht stehen lassen.
Im Sommersemester wurde von Dr. Lorenz Aggermannn unter dem Titel Mise en scéne und mise en place ein theoretisches Seminar zum Thema angeboten. Er wird auch das Szenische Projekt begleiten.
Ich freue mich, wenn Teilnehmer des theoretischen Seminars ihre Auseinandersetzung auch im Rahmen des Szenischen Projekts fortführen wollen. Das Szenische Projekt ist aber offen für alle Interessierten .