Justus-Liebig-Universität GießenInstitut für Angewandte Theaterwissenschaft
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Stil und Stilisierung Anpassen und Abweichen in zeitgenössischen Soloperformances


BA 04/05, MA 01/04

„Ich nenne Stil den Akzent, mit dem ein gegebener Mensch die Flut versieht, die der symbolische Ozean in ihm auslöste, der die ganze Erde metaphorisch unterminiert.“ So raunt es Hans Ulrich Gumbrecht in seiner kurzen „Geschichte des Stilbegriffs“ vor sich hin und verortet sich dabei vorsichtig in der Riege derjenigen, die im ‚Stil’ ein Potential des Sich-Ausfügens sehen – also der Möglichkeit, vorübergehend von einer symbolischen Ordnung abzuweichen und sie wenigstens minimal zu prägen, ihr einen individuellen Akzent zu geben. Doch ist diese Lesart des Stilbegriffs keineswegs universell: wurde ‚Stil’ doch historisch, vor allem kunsthistorisch lange Zeit mit der gegenteiligen Idee des Einfügens verbunden, dem Sich-Anpassen an ein gegebenes Regelsystem.

Somit zeichnet sich der Stilbegriff durch eine paradoxale Doppelstruktur aus. Ursprünglich als ‚Manier’ verstanden, bezeichnete er die Art und Weise, wie etwas Bestimmtes zu sein hat, um als etwas Bestimmtes erkannt zu werden. Eine „Stil-Revolution“ nun, die zumindest im Bereich der Literatur die zweite Tendenz des Ausfügens begründet, sieht A. Assmann beispielsweise im England des 18. Jahrhunderts, wo eine zunehmende Alphabetisierung dazu führte, dass die Masse des religiösen Schrifttums immer mehr durch neuartige profane Genres verdrängt wurde und somit auch der Literaturkritik einen deutlichen Aufschwung bescherte. Eine zweite Dimension des Stilbegriffs erlebte hier ihr noch zaghaftes Entstehen: Stil als individuelles Sich-Ausfügen aus dem System, als Regelabweichung, als „besiegte Erwartung“ (Jacobson) – Stil entsteht, wenn ein Versuch der Manifestation von gesteigerter Eigenheit (Assmann) unternommen wird.

Projekt des Seminars „Stil und Stilisierung“ ist es, unterschiedliche Stiltheorien daraufhin zu untersuchen, inwieweit sie sich dazu eignen, das sich in vielen zeitgenössischen Soloperformances eröffnende Spannungsfeld zwischen Prozessen des Anpassens und Prozessen des Abweichens (von einem Dispositiv, einem Diskurs, einer symbolischen Ordnung, einem System) zu erörtern. Wenn Xavier Le Roy sich selbst als ‚Produkt der Umstände’ entwirft, wenn Michael Laub seine PerformerInnen in einer Haltung fast obszönen Trotzes inszeniert, wenn Mamoru Iriguchi sich selbst als mit neun Kaninchen schwangeren Mann skizziert – dann haben wir es, so die grundlegende These, immer mit einem subjektiven Ausagieren zwischen sich-einfügender Unterwerfung und sich-ausfügender Ent-Unterwerfung zu tun: Kunst entsteht nur, wenn beide Tendenzen zusammenspielen.

Die Veranstaltung versteht sich vor allem als Lektüre- und Diskussionsseminar. Interessierten ist ausdrücklich empfohlen, parallel am Szenischen Projekt „Soloperformances“ unter der Leitung von Björn Mehlig teilzunehmen – und umgekehrt.

Im Seminar setzen wir uns auseinander mit Texten von Althusser, Pfaller, A. Assmann, Nietzsche, Foucault, Butler, Luhmann und Derrida. Künstlerische Beispiele sollen in Form von Referaten und Videoscreenings vor allem am 1. Mai gemeinsam mit den TeilnehmerInnen aus dem Szenischen Projekt hinzugezogen werden.