Justus-Liebig-Universität GießenInstitut für Angewandte Theaterwissenschaft
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,Zigeuner‘ als Figuration des Fremden. Einblicke in das marginalisierte Leben zwischen dem Realen und dem Fiktiven.


BA 03,05,09,12
MA 01,03,04

Im 15. Jahrhundert, knapp bevor sich das europäische Subjekt soweit stabilisiert und emanzipiert hatte, daß es die Ferne und Fremde erschließen konnte, wird es heimgesucht. Das Andere taucht unvermittelt in seinem eigenen Hoheits- und Wissensgebiet auf: Rom-Völker ziehen durch ganz Europa.
Daß das Fremde ein zentraler Bestandteil der eigenen Kultur, ja ein notwendiger Widerpart des jeweiligen Subjekt-Denkens sein muß, scheint eine anthropologische Konstante. Bis zum heutigen Tag erfinden die jeweiligen Gesellschaften ihre je spezifischen Figurationen der Alterität, um hierüber eine Gemeinschaft zu konstituieren. Das Andere erscheint unter diesen Prämissen nicht nur eine ästhetische, sondern vor allem eine genuin theatrale und performative Kategorie.
Einer besonders nachhaltigen, modernen Figuration des Fremden dienen die Rom-Völker als Vorlage. Ohne Schrift, ohne Vernunft, ohne Religion, ohne Heimstatt, ohne Biographie, dafür mit besonderer Affektivität ausgestattet, werden ,Zigeuner‘ vor allem auf Basis der modernen Medien zum Anderen des aufgeklärten europäischen Subjekts stilisiert. Dramen, Musiktheater aber auch Filme haben maßgeblich Anteil an dieser Entwicklung, die bis heute nichts von ihrer Wirksamkeit verloren hat - Stichwort Antiziganismus. Anhand früher und gegenwärtiger Beispiele soll dieser Figuration nachgegangen, soll diese mit der künstlerischen Selbstrepräsentation von Lovara, Kalderasch, Roma, Sinti, Jenischen, Ashkali, Manoush oder Kalé verglichen werden, nicht zuletzt um darüber die Frage nach der politischen Qualität der darstellenden Kunst zu diskutieren.

Zur vorbereitenden und einstimmenden Lektüre dringend empfohlen:
Michael Bogdal: Europa erfindet die Zigeuner. Eine Geschichte von Faszination und Verachtung. Berlin 2011