Justus-Liebig-Universität GießenInstitut für Angewandte Theaterwissenschaft
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Aktion, Happening, Performance: Nachkriegs-Avantgarde in Österreich und Westdeutschland


Um ein Mehr an Wirklichkeit erreichen zu können braucht die Kunst das Theater. Diese Vermutung beflügelt nach dem zweiten Weltkrieg die Entwicklung einer künstlerischen Praxis, die sich als Happening, Performance und Aktion langsam bahn bricht und die das Kunstgeschehen der 1960er Jahre maßgeblich belebt und beeinflusst. Die progressiven Künstlerszenen der 60er Jahre sind von einem Glauben an soziale Veränderung unter der Beteiligung der Kunstschaffenden geprägt, eine Atmosphäre der Potentialität, des Aufbruchs und der Kontingenz liegen in der Luft. Besonders in Europa und speziell im deutschsprachigen Kontext der BRD und in Österreich wird diese Atmosphäre durch die Erfahrung des Zweiten Weltkrieges, durch Völkermord, Kriegsschuld und Wiederaufbau befeuert. Die Vergangenheit, so könnte man es vereinheitlichend für die Neo-Avantgarde formulieren, soll endlich vergehen, die Gesellschaft muss sich ihrer Zukunft zuwenden und die alten überkommenen Muster, Machtstrukturen und Konventionen hinter sich lassen.

Um diesem allgemein für die europäische Neo-Avantgarde konstatierten Ziel gerecht zu werden muss die Distanz zwischen Kunst und Leben überwunden werden, muss das Kunstwerk seine Gattungsgrenzen sprengen und aus seinem Status als Objekt ästhetischer Betrachtung enthoben werden. Angestrebt wird die Transformation des Kunstwerkes in ein prozesshaftes und handlungsorientiertes, mithin performatives Gefüge. Aktion, Ereignis, Happening und Situation sind in dieser Gemengelage entstandene Konzepte, die als Ergebnis einer Verschränkung von Bildender Kunst und Theater angesehen werden können.

Im Zuge des Seminars werden wir zunächst die allgemeine kunsthistorische Entwicklung im amerikanisch-europäischen Kontext nachvollziehen und vor allem ihre spezifischen Ausprägungen im deutschsprachigen Rahmen untersuchen. Besonders die Aktionen des Wiener Aktionismus und die Aktionskunst von Joseph Beuys werden uns als Ausgang für unsere Explorationen zwischen Theorie und Praxis dienen.
Im Rahmen des Seminars ist eine Exkursion in das Hessische Landesmuseum in Darmstadt vorgesehen, wo der größte zusammenhängende Werkkomplex von Joseph Beuys, der sogenannte Block Beuys, ausgestellt ist.
Auf die Ausstellung Mein Körper ist das Ereignis. Wiener Aktionismus und internationale Performance, die vom 06. März - 23. August im MUMOK in Wien zu sehen ist, sei an dieser Stelle ausdrücklich hingewiesen, besonders auf das Begleitsymposium am 24. + 25. April 2015.