Justus-Liebig-Universität GießenInstitut für Angewandte Theaterwissenschaft
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"zurSCHAUgeSPIELt" - zur Praxis des Schauspielens


DER SCHAUSPIELER - nur ein szenisches Element im Spiel theatraler Zeichen, dennoch das Element, das in seiner lebendigen Leibhaftigkeit einen Ort der Präsenz innerhalb eines theatralen Ereignisses bewusst beansprucht (vgl. Corvin). Selbst verwoben im Netz theatraler Signifikanten repräsentiert er, schau-spielt, stellt (sich) zur Schau als Vermittler in einem Zwischenraum, an dessen Grenzen sich der Text (die Idee, der Stil ...) und der Zuschauer(raum) begegnen: "L'acteur reste toujours un interprète et un énonciateur du texte ou de l'action" (Pavis).
Sein Körper steht im Zentrum einer paradoxen, dynamischen Dopplung: er ist immer er, ist immer ein anderer, zwischen leben und zeigen, zwischen produzieren und produziert werden - oder semiotisch verkürzt: zwischen A und S als X (vgl. Fischer-Lichte).
Wer steckt hinter diesem Paradox? Was bleibt von ihm übrig seit seiner Zersplitterung durch die Theateravantgarden? Woher kommt er, wenn er bleibt? Und kehrt er zurück, wenn er geht? Was hat es auf sich mit seiner (heute belächelten) "theatralischen Sendung" und "dem Wunder der Verwandlung" (Boner) angesichts neuerer, noch zu erforschender Schauspielansätze, die sich in Grenzbereichen zu Kampfkunst, Fotografie und MTV bewegen?

Ausgehend von Diderots "Paradoxe sur le comédien" kommen in diesem Seminar diejenigen Schauspieltheorien zur Sprache, die den Schauspieler als physisch präsentes, sensorisch erfahrenes Subjekt in ihren Mittelpunkt stellen - als ein Subjekt der Affekte, die er im Prozess seines expressiven Spiels repräsentiert (auch wenn er diese Re-präsentation gedanklich abzuschmettern versucht zugunsten einer Transzendenz des "wahren Seins"!).
Praktische Aspekte der Schauspielkunst wie Physische Realität, Arbeit an/mit Objekten und am Text, Geste/Gestus, Stimme u.v.m. sowie grundsätzliche Fragen der Schauspieltheorie um Mimesis, Authentizität u.a. werden anhand von prägnanten theoretischen Texten, vor allem aber anhand textlicher Anweisungen zu Schauspielübungen diskutiert, kritisch hinterfragt und erprobt.

Ziel des Seminars ist es zunächst, die möglichen kreativen Prozesse hinter der schauspielerischen Praxis zu veranschaulichen (zumindest auffindbar zu machen!) und diese in einem zweiten Schritt in einen Kontext künstlerischer Abstraktion einzubinden, um von hier aus neue Ansätze für Schauspiel und Regie herauszufiltern.
Schauspielpraktische Texte von z.B. Stanislawski, Strasberg, Adler und ihre kritischen Gegenentwürfe von Brecht, Grotowski u.a. werden innerhalb des Diskurses zur Schauspielerei im zeitgenössischen Theater und im Film reinventarisiert. Eine kritische Einordnung dieser Schauspielpraktiken in den Kontext ihrer Zeit (Nationalsozialismus, Nachkriegszeit) und ihrer Kultur, aber auch in ihrem Bezug zu wissenschaftlichen Diskursen (Körperbilder, Physignomik) bilden eine wichtige Grundlage dieses Seminars.
Es wird bereits deutlich, dass dieser im Laufe des Seminars vorgeschlagenen Neulesung der alten Texte die hypothetische Annahme einer Differenz zwischen kreativen Prozessen und theatralem Stil zugrunde liegen muß.

· Textkorpus (Auszüge):
Diderot. Paradox über den Schauspieler. 1769
Stanislawski. Die Arbeit des Schauspielers an sich selbst. 1954, 1983
Stanislawski. Die Arbeit des Schauspielers an der Rolle. 1950, 1980
Čechov, M. Die Kunst des Schauspielens. 1945, 1990
Wermelskirch (Hg.). Strasberg. Schauspielen und das Training des Schauspielers. 1988
Brecht. Neue Technik der Schauspielkunst. 1935 - 1941
Brecht. Über den Beruf des Schauspielers. 1935 - 1941
Adler, Stella. Die Schule der Schauspielkunst. 2005
Roselt, Jens. Seelen mit Methode - Schauspieltheorien vom Barock bis zum postmodernen Theater. 2005
Zarilli. Acting (re)considered: theories and practices. 1995
Schrum. Theatre in cyberspace: issues of teaching, acting and directing. 1999
Banu. Der Schauspieler kehrt nicht wieder. 1990
Buzacott. The death of the actor. 1991

· Gegenstandsbereich:
Hollywood (z.B. Taxi Driver/de Niro; Monster/Theron; Heat/Pacino; de Niro; Ocean's Eleven + Ocean' Twelve) und Bollywood
Theater (z.B. Stein/Drei Schwestern; Needcompany/div.; Japanisches Nô-Theater; Brecht/div.)
Fotografie (Dorothea Lange, Nan Goldin, Diane Arbus)
MTV-Clips
Anime-Serien

Textkorpus und Gegenstandsbereich werden nach Interessenlage der Studierenden in der ersten Sitzung erweitert.
Weitere Sekundärliteratur wird zu Beginn des Seminars bekannt gegeben!