Justus-Liebig-Universität GießenInstitut für Angewandte Theaterwissenschaft
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Negativität


BA 03/04/05/09/10/11
MA 01/03/04/05
CuP 07/09

Auf das Seminar vom letzten Semester, das sich Theorien und Praktiken von Bejahung und ‚Affirmation‘ widmete, antwortet dieses Seminarthema nun von anscheinend (?) entgegengesetzter Seite aus und stellt den Begriff der „Negativität“ ins Zentrum des Forschungsinteresses. Damit ist nicht primär etwas ‚Schlechtes‘, oder eine (einfache, zweifache, dialektische...) Verneinung / Negation oder gar Nihilismus gemeint, sondern ein noch zu bestimmender Bereich des Unverfügbaren, Nicht-Anzueignenden, ein Bereich der Kehrseiten und der Opazität, der vor allem im Hinblick auf Wahrnehmungen produktiv zu verstehen ist.
Negativität erweist sich als Grundbegriff der Philosophie, dessen dortige Bedeutung in einem theaterwissenschaftlichen Seminar kaum einzuholen ist. Es lässt sich allerdings „eine zunehmende Expansion von Semantiken der Unbestimmtheit und des Nichtwissens in der Philosophie, den Wissenschaften und in den Künsten“ beobachten. Begriffe wie Differenz, Kontingenz, Ambivalenz, Nichtwissen, Unentscheidbarkeit, Unberechenbarkeit und Unübersichtlichkeit werden in gegenwärtigen Diskursen um zeitgenössische Kunst hochgeachtet und sind gleichzeitig Facetten eines Universums der Negativität. Ihre „negative Infrastruktur“, von der auch grundlegende Konzepte von Subjektivität, Sozialität und Sprache ausgehen, gilt es freizulegen. Doch in der Kunst und gerade im Theater kann Negativität nicht als nur ‚freigelegter‘ Begriff interessant sein. Vielmehr wäre sie als Praxis zu hinterfragen und vielleicht sogar zu entwickeln.
Freizulegende Konzepte wären hierbei z.B.: Die phänomenologische „Abschattung“ Edmund Husserls, bei der eingenommene Perspektiven immer etwas Nichtsichtbares produzieren; die „opake Gleichheit“ Richard Sennetts, oder die „Ethik der Alterität“ Jacques Derridas/Dieter Merschs, die auf dem basieren, was man im anderen nicht versteht, oder die „Negativität der Anders- und Fremdheit“ / „Widerständigkeit des Anderen“ bei Byung Chul Han, u.ä.m.
Wie immer sollen den besprochenen Texten aus dem Plenum heraus Beispiele aller Art zur Seite gestellt werden!


Andreas Hetzel: Negativität und Unbestimmtheit. Beiträge zu einer Philosophie des Nichtwissens. Bielefeld: transcript 2009, S. 11.
Edmund Husserl: Logische Untersuchungen. Hamburg: Meiner 2009, bes. S. 589.
Richard Sennett: Respekt im Zeitalter der Ungleichheit. Berlin: 2004, S. 151.
Dieter Mersch: Gibt es Verstehen? In: Juerg Albrecht / Jörg Huber / Kornelia Imesch / Karl Jost / Philipp Stoellger (Hrsg.): Kultur Nicht Verstehen. Zürich: Springer 2005, S. 169–185, hier S. 177. Mersch bezieht sich dabei auf Jacques Derridas „Irreduzible Differenz“ (Ebd., S. 175), die stets einen Bruch im Dialogischen herbeiführt. Vgl. Jacques Derrida: Guter Wille zur Macht (I): Drei Fragen an Hans-Georg Gadamer. In: Philippe Forget (Hrsg.): Text und Interpretation. München: Fink 1984, S. 56–58, hier S. 58.
Byung Chul Han: Transparenzgesellschaft. Berlin: Matthes&Seitz (2012) 2015.