Justus-Liebig-Universität GießenInstitut für Angewandte Theaterwissenschaft
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Krieg und Erinnerung auf, in und unter dem 'roten Teppich' Via Lewandowskys im Berliner Bundesministerium der Verteidigung


Seit 2003 wird der Atriumsboden des Verteidigungsministeriums von einem „roten Teppich“ bedeckt, der aus der Nähe abstrakt gemustert erscheint und sich erst dem erhöhten und distanzierten Betrachterblick offenbart - als gewebte Version einer fotografischen Luftaufnahme aus dem Februar 1945, die den Bezirk Tiergarten und den Bendlerblock zeigt.
Während im Zentrum der Tagung wohl eher die „neuen“ Medien stehen werden, möchte ich danach fragen, mit welchen Aussagezielen und und mit welchem Erfolg das altehrwürdige Medium des Bildteppichs in einem „neuen“ Ministerium eingesetzt wird, das zugleich Erinnerungsort des gescheiterten militärischen Widerstands ist, und wie ein solcher Teppich auch dazu einlädt, über Sehweisen, über das Verhältnis von fotografisch und textil erzeugtem Bild, von dokumentarischen und memorativ-repräsentativen Ansprüchen nachzudenken. Wie verhält sich der „rote Teppich“ mit seinem fragmentarischen, aus der Perspektive von Kampfflugzeugen aufgenommen Bild der Zerstörung zur Tradition des Bildteppichs, der seit dem Mittelalter Räume der herrscherlichen Machtentfaltung als maßgebliches Medium gestaltete und dabei immer wieder auch Kriege als Siegergeschichten prachtvoll und szenenreich darstellte? Wie ist das im „roten Teppich“ manifeste Spannungsverhältnis zwischen dem ausschnitthaften, ungerahmten Bild einer ruinösen Stadt und einer textilen Materialität zu werten, die dieses Bild in geordneter Weise aus sich kreuzenden Fäden zu einem geschlossenen, den Boden (ver-)deckenden Gewebe aufbaut? Ist ein solches Gewebe bzw. die verwirrende Nahsicht auf die textile Oberfläche geeignet, das vergangene reale Grauen einer zerstörten Stadtoberfläche und zerstörter Leiber in ihren Tiefen wieder aufscheinen zu lassen oder ist der „rote Teppich“ doch nur ein Angebot der Oberfläche - eine ironische Geste des heutigen Verzichts auf Zeremoniell und echte rote Teppiche oder die didaktisch motivierte Öffnung des Besucherblicks in die Tiefe des historischen Raums, dessen Komplexität vielleicht aber wieder überdeckt wird mit dem konsensfähigen Zitat der zerstörten Stadt?

Silke Tammen, Justus-Liebig-Universität Giessen
Jg. 1964; Studium der Kunstgeschichte, Mittlerer und Neuerer Geschichte und Romanistik in Marburg/L. und Trier; 1990 Promotion in Trier; 1991-1992 Postdoktorandenstipendium der DFG; 1992-1995 Wissenschaftliche Assistentin am Kunsthistorischen Institut der Universität Bonn; 1996-1999 Wissenschaftliche Assistentin am Kunstgeschichtlichen Seminar der Universität Hamburg; 1999 Habilitation (Habilitationsschrift „Im Meer der Bilder: Ecclesia, die Christen und die Anderen. Studien zu Ideologie, Funktionen und Lesbarkeit der Bible moralisée des 13. Jhs.“, derzeit in Überarbeitung für den Druck; Privatdozentin am Hamburger Seminar. Im Sommersemester 2001 Vertretungsprofessur in Tübingen, im Sommersemester 2002 Gastvorlesung in Wien und Vertretungsprofessur in Karlsruhe; im Wintersemester 2002/3 Vertretungsprofessur in Gießen, seit Sommer 2003 dort C 3-Professur. Mitglied im Graduiertenkolleg „Transnationale Medienereignisse“, der „IAG Frauenforschung“ und des SFB „Erinnerungskulturen“ (Projekt: „Gründerväter, Inquisitorenmärtyrer und Gelehrte - Bildmedien und Heiligenkult im Dienste dominikanischer Erinnerung und Identitätsbildung 13.-15. Jh.)“
Mitgliedschaften: Fachvertreterin für Kunstgeschichte im Beirat des Mediävistenverbandes, Deutscher Kunsthistorikerverband, Ulmer Verein, Carl-Justi-Gesellschaft



Im Rahmen des internationalen Kolloquiums „Das Reale und die (neuen) Bilder. Repräsentationen des Anderen oder Terror der Bilder?“ an der JLU Gießen vom 11. bis 12. November 2005

Das Kolloquium ist eine Kooperation des Zentrums für Medien und Interaktivität, Giessen und des Instituts für Angewandte Theaterwissenschaft, Giessen im Rahmen der Forschungsreihe "Inszenierungen in den Neuen Medien". Es wird veranstaltet von Prof. Helga Finter und Prof. Heiner Goebbels.