Justus-Liebig-Universität GießenInstitut für Angewandte Theaterwissenschaft
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"Les Aveugles" nach einem symbolistischen Drama von Maeterlinck


Hat sich die Katastrophe schon längst ereignet und wird nur als Krise verhandelt, steht sie uns noch bevor oder sehnen wir sie herbei? fragen sich Sophie Lembcke und Inga Wagner in

„Les Aveugles“ nach Maeterlinck

Eine Gruppe Blinder befindet sich verlassen auf einer Insel. Die Katastrophe hat sich bereits ereignet, der einzig Sehende ist unbemerkt in ihrer Mitte gestorben. Die Blinden glauben, er sei lediglich Wasser holen gegangen. Sie verharren beunruhigt wartend auf die Rückkehr des Weisen, weil sie ihre Umgebung als bedrohliche Twilightzone empfinden.

Durch Zufall entdecken sie den Leichnam des Sehenden. Dadurch sind sie gezwungen zu handeln.
Doch wie ist es möglich sinnvoll zu handeln, wenn man nicht ausreichend Kenntnis von der Welt besitzt, um die Situation zu verstehen, in der man sich befindet? Wie ist es möglich Gewissheiten zu erlangen, wenn die Sprache keine Erkenntnis mehr liefert? Die Sehnsucht nach endgültiger Klarheit verleitet die Blinden dazu, das Ende einfach abzuwarten.

Die Krise ist derzeit allgegenwärtig, in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und auch in der Kunst. War 9/11 die Katastrophe schlechthin oder nur das sichtbare Zeichen für den schon länger zurück liegenden Ruin einer Gesellschaft?
Das Fehlen von Utopien lässt jedes Handlungskonzept ins Leere laufen. Ein permanentes Krisenbewusstsein wirkt systemstabilisierend, Revolution ist out. Bedarf es also neuer Katastrophen, um notwendige Änderungen herbeizufühen, oder sind die Katastrophen nur Zeichen und Ausdruck der permanenten Krise?

Sophie Lembcke und Inga Wagner versuchen in einem theatralen Experiment durch sinnliche Erfahrung einen Raum zu schaffen, in dem andere Wahrnehmungsstrukturen eine Neuorganisation des Denkens ermöglichen. Dazu wird der Zuschauer selbst Teil der Instellation. Er befindet sich auf der Insel, in einem düsteren Wald sinnlicher Reize (Bühne: Andrea Polewka, Sounds und Atmosphären: Felix Kubin), wodurch der Zuschauer auf sich Selbst und seine singuläre Wahrnehmung zurückgeworfen wird.
Auf der Suche nach zeitadäquaten Ausdrucksformen bieten die Dadaisten und Guy Debord historische Inspiration.