Justus-Liebig-Universität GießenInstitut für Angewandte Theaterwissenschaft
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Television und Thanatopraxis (Six Feet Under)


Einer bekannten These Walter Benjamins zufolge entsteht im nachreformatorischen Europa unter den Anfechtungen des Protestantismus und der konfessionellen Kriege eine neue Form des Theaters. Die kirchlichen Formen und Institutionen beider Konfessionen vermögen auf die drängenden eschatologischen Fragen keine Antwort mehr zu geben. Das Theater des Barock – vor allem das von Benjamin besonders untersuchte protestantische deutsche Trauerspiel – inszeniert daher das Ausbleiben einer solchen Antwort. Es tut es allegorisch, spielerisch und potentiell wiederholbar. Die Auferstehung wird zum wiederholbaren theatralen Effekt vor traurigen Zuschauern, der indes die Immanenz des Bühnenraums wie jene der irdischen Welt nie wird überwinden können.

Ich möchte diese Überlegungen auf ein Medium übertragen, das der wissenschaftlichen Auseinandersetzung oft als unwürdig angesehen wird: das Fernsehen. Im Gegensatz zum katholischen Medium Kino (Deleuze) ist das Fernsehen wahrscheinlich vor allem protestantisch. Der rituellen Versammlung der Gemeinde setzt es die Andacht des einzelnen entgegen, dem Prinzip der Repräsentation die Sendung des Geistes in alle Welt, der sinnlichen und haptischen Erfahrung die Alltagsmoral, die Befragung des Gewissens und den Glauben. Vor allem aber ist das Fernsehen durch seine Wiederholungsstruktur, seine merkwürdige Form des Gedächtnisses und seine Obsession für den Tod eine Praxis der je brüchigen, artifiziellen Auferstehung vor Zuschauern; eine Praxis, die sich ihre eigene Unmöglichkeit stets aufs Neue eingestehen muß.

Ich möchte dies vor allem an einem neueren Beispiel zeigen: Die amerikanische Fernsehserie „Six Feet Under“ von Alan Ball, die von 2001 bis 2005 auf dem Bezahlkanal Home Box Office lief, behandelt in fünf Staffeln auf ungefähr 60 Stunden Länge die Geschehnisse im familiären Bestattungsunternehmen „Fisher & Sons“ in Los Angeles. Das Prinzip der einzelnen Folgen ist stets gleich: Am Beginn – noch vor dem Vorspann – steht ein Todesfall (in der ersten Folge der Tod des Familienvaters Nathaniel Fisher), und im Verlaufe der Folge wird dann jener Tote bestattet; die in den Räumen des Instituts abgehaltene Totenfeier bildet meist eine der letzten Szenen. Von besonderer Bedeutung ist dabei die Wiederherstellung der oft versehrten Leiche für die finale Aufbahrung. Sie wird nur sehr selten von den beiden Fisher-Brüdern, sondern vom puertoricanischen, also katholischen Thanatopraktiker Federico geleistet. Während er die Leiche im Keller artifiziell für den Moment der Zurschaustellung präpariert, begegnen dem protestantischen David Fisher die Toten oft als Gespenster.

Diese stets wiederkehrende Handlung wird dabei verschränkt mit serientypischen Erzählelementen, die jedoch die Gefühlslage und politisch-theologische Unsicherheit der verbleibenden WASPs im globalisierten Los Angeles aufzeigen. Six Feet Under wird so zu einer langen und oft ausgesprochen traurigen Variation auf Todesriten der Spätmoderne. Letztlich setzt sich das Fernsehen als Medium eines protestantisch gebrochenen Auferstehungsversprechens selbst in Szene; wie die Familie Fisher, der protestantische Rest einer globalisieren Gesellschaft, ist das Fernsehen der große Bestatter, der die Toten nur als Geister wiederbeleben kann und in dessen Keller noch immer die katholische Imagination arbeitet.