Justus-Liebig-Universität GießenInstitut für Angewandte Theaterwissenschaft
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Zugleich zukünftig. Das transfigurative Filmende von Rossellinis Stromboli. Terra di Dio


Über den kinematographischen Bildglauben sagt Gilles Deleuze: „Das Kino scheint als Ganzes unter die Formel Nietzsches zu fallen: ‚worin wir noch fromm sind‘.“
Das Kino ist als Darstellungsraum bestimmt durch die sinnliche Zugänglichkeit und gleichzeitige Unverfügbarkeit des bildlich Erscheinenden. Der Film als Kunstform der medientechnischen Moderne erhält in der imaginären Beglaubigung des Bildes ein obskures Moment. Warum ermöglicht es die kinematographische Suspension der Welt (Projektion einer Welt) vielleicht in besonderer Weise, auf eine gegenwärtige Lage von Glaubenshaltungen zurückzukommen?
Mein Beitrag befasst sich mit der Bildkonzeption von Roberto Rossellinis Film Stromboli. Terra di Dio (IT 1950). Im Zentrum steht dabei die Frage, wie die Realitätskonstruktionen der audiovisuellen Bilder die Bindung zwischen Individuum und Welt bestätigen. Die letzte Sequenz von Stromboli figuriert eine Verwandlung der Hauptfigur durch eine Transzendenz-Wahrnehmung – nachts auf dem Vulkan.
Aus den Berichten, welche die Evangelien von der Transfiguration Christi geben, lassen sich Anregungen für die sinnliche und sinndeutende Wirklichkeitsbeschreibung des Films beziehen. Die Szene der Verklärung Christi verschränkt die Zeitlichkeit von Singularität (der Offenbarung) und Wiederholung, von historischer Gründung, Gegen­wart und endzeitlicher Zukunft. Der Bericht der Evangelien setzt die momentane Erscheinung einer anderen Wirklichkeit in Beziehung zu einer Sinngebung, die erst aus einer zukünftigen Perspektive heraus (nach der Auferstehung) möglich werden wird.
Die letzte Sequenz von Stromboli vergegenwärtigt uneinheitliche Zeitmodi und Zeiterfahrungen. Als formale Öffnung des Films begreife ich die transfigurativen Bewegungen der letzten Bilder. Aufnahmen eines unabschließbaren stofflichen Wandels und unbestimmte Einstellungswechsel weisen über personale Wahrnehmungs-perspektiven hinaus ­– und: über die Laufzeit des Films, die zeitliche und kategoriale Begrenztheit seiner Bilder.