Justus-Liebig-Universität GießenInstitut für Angewandte Theaterwissenschaft
MENU
DE EN

Stimm-Prothesen und phonematische Skelette: Auferstehung und Vokalität in der Physiologie des 19. Jahrhunderts


Am Anfang war das Wort – doch erklingt auch die Stimme, die das Wort artikuliert? Im Zuge ihrer Autonomisierung als eine von der Anatomie zu differenzierende Disziplin führen namhafte Physiologen des 19. Jahrhunderts zahlreiche Experimente durch, um einen organischen Ursprung der Stimme aus dem Körper zu finden. Gerade weil der Stimme ein Organ fehlt und sich ihr Klang aus einer anatomischen Konfiguration ergibt, die eine unbekannte, räumliche Leere (Glottisspalt/Stimmritze) konturiert, erscheint den Physiologen die seit der Antike bekannten und immer wieder neu belebten Phantasmen der Stimme als Instrument (Flötenkonzept, Saiteninstrument), die sich der augenscheinlich beweisbaren Materialität des Körpers verdanken, zunehmend unzureichend. Vor allem zwischen 1800 bis in die 1860er Jahre hinein rückt die Frage nach dem Ort und der Funktion aller an der Stimmbildung beteiligten Organe in den Vordergrund und leitet eine allmähliche Präzisierung der Abläufe vokaler Produktion ein. Doch bis zur Etablierung einer epistemologischen Physiologie der Stimme erhält sich neben technisch-mechanischen Visualisierungtendenzen eine experimentelle Praxis bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufrecht, die gänzlich andere Wahrnehmungsmodi vorschlägt. Sie provoziert ein Imaginäres der Stimme, das den Organismus zur Szenerie eines eschatologischen Imaginären ernennt und die Stimme, ihr Ton und Klang, aber auch den Körper, Leichnam, das Ich, das Du und das Wort einbinden in phantasmatische Auferstehungsfigurationen, die eine Episteme der Stimme gerade erst ermöglichen.
An ausgewählten Beispielen wird den Auferstehungsstrategien der vokalphysiologischen Experimente des 19. Jahrhunderts nachgegangen.