Justus-Liebig-Universität GießenInstitut für Angewandte Theaterwissenschaft
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In die Geschichte eintreten: Strategien des Erinnerns im deutschen Theater der Gegenwart


Eine Theateraufführung findet nie nur an einem Ort statt, obwohl sie doch räumlich situiert ist. Vielmehr überlagern sich im Theater verschiedene Räume, die vom fiktionalen Raum der Geschichte, die erzählt wird, bis hin zum performativen Raum, den Zuschauer und Darsteller gemeinsam hervorbringen, reichen. In diesem Vortrag möchte ich Theater als Gedächtnisraum betrachten, der sich dann eröffnet, wenn der Ort, an dem die Aufführung stattfindet, als ein Ort ins Rampenlicht gerückt wird, an dem bereits gehandelt wurde. Die Aufführungen finden dann im Stadtraum oder einem historischen Gebäude statt, welches selbst Spuren der Geschichte trägt. Theater als Gedächtnis bringt sowohl den realen Ort des Zuschauers als auch dessen subjektiven imaginären Raum ins Spiel. Die Erinnerungsfunktion von Theater kommt in diesem Sinn dann ins Spiel, wenn die pluralen theatralen Räume akustisch oder optisch gegeneinander verschoben werden, weil sie die Synthese zu einem geschlossenen fiktiven Bild- und Wahrnehmungsraum verhindern. Ich werde dies im Folgenden an einer Stadtrauminszenierung des Regiekollektivs Rimini Protokoll, Call Cutta aus dem Jahr 2005, diskutieren, bevor ich zur Erhärtung der These am Ende noch auf ein zweites Beispiel zurückgreifen möchte: Klaus Michael Grübers Winterreise im Berliner Olympiastadion von 1977. Ein drittes Beispiel, Nicolas Stemanns Inszenierung von Elfriede Jelineks Text Ulrike Maria Stuart, setzt sich mit Erinnerungsstrategien auseinander, die im geschlossenen Theaterraum inszeniert werden.