Justus-Liebig-Universität GießenInstitut für Angewandte Theaterwissenschaft
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The Big Sleep


Ich denk, das Tier ist tot. Ich weiß, das ist immer widersprüchlich: Einmal willst du, dass es lebt und dann sagst du, es ist tot. Du kannst das nur versuchen, dass es wieder lebt, aber das wirst du nie hinkriegen. Es ist tot und es ist auch nur die Haut. Das Tier ist weg.
Lydia Mädler, Tierpräparatorin aus Frohburg


Der Tod ist die Voraussetzung der Taxidermie und doch ahmen Tierpräparate Lebendigkeit nach. Mit „The Big Sleep“ widmen sich die Theatermacher*innen Alisa M. Hecke, Julian Rauter und Andi Willmann szenisch jener Kulturpraxis, die dem Verfall und dem Vergessen trotzt, indem sie versucht, natürliche Verwesungsprozesse aufzuhalten. Die in lebendigem Ausdruck gestalteten Tiere erwidern den Blick des Menschen, lassen ihn so selbst zum Gegenstand der Befragung werden: Unter Verwendung von angeeigneten Interviewauszügen mit Tierpräparator*innen reflektieren drei Performer*innen anhand der (Haustier-)Präparation über den menschlichen Umgang mit Verlust, die Repräsentation von Leben und das darin liegende Versprechen von Bewegung. Wie wird lebendiger Ausdruck und bevorstehende Dynamik dargestellt, wie ein unverwechselbarer Charakter eingefangen? Wie transportieren Körper Erinnerungen und Erzählungen? Die Performance ist eine humorvolle Untersuchung dieser Unterscheidungen anhand von Motiven des nature morte, des Stilllebens, sowie durch Neukombination und Transformation von Menschen, Tierkörpern, szenografischen Objekten und Landschaftselementen. Es entsteht eine befremdliche Intimität zwischen Tod und dem Widerschein von Leben, von Handwerk und Metaphysik.

Hecke/Rauter/Willmann realisieren gemeinsam interdisziplinäre Projekte zwischen Performance und Installation, die sich aus Theater, Medienkunst und Architektur speisen. Ihre vielschichtigen Textgefüge, Sound- oder Bildcollagen werden in Theatern und Ausstellungskontexten gezeigt. Wiederkehrendes Motiv ist der (Bühnen-)Körper und seine Repräsentation, an dessen Wahrnehmung und Zuschreibung von Lebendigkeit und Körperlichkeit sie szenisch forschen. Seit 2016 recherchieren sie zum Paradigmenwechsel naturkundlicher Sammlungen im Zuge globaler ökologischer Veränderungen hin zu Orten der Erinnerung. Die Bekenntnisse der interviewten Expert*innen geben Aufschluss über den menschlichen Wunsch nach Erhalt – und ihre Strategien der Konservierung – natürlicher Diversität und ästhetischer Vielfalt. Das audio-visuelle Archiv ist Materialkorpus für das interdisziplinäre Kunstprojekt „The Big Sleep“, das 2020 in Theatern und Naturkundemuseen in Deutschland und der Schweiz stattfindet.

Dauer: 90 Minuten

Künstlerische Leitung: Alisa M. Hecke, Julian Rauter / Bühne: Andi Willmann
Produktionsleitung: Nora Schneider
Dramaturgische Beratung: Nadine Vollmer
Performance: Katharina Bill, Malte Scholz, Nina Maria Wyss

Eine Produktion von Hecke/Rauter GbR in Koproduktion mit dem Schauspiel Leipzig, Kunstfest Weimar, Theaterdiscounter Berlin, Roxy Birsfelden sowie dem Naturhistorischen Museum Basel und dem Muséum d’histoire naturelle de la Ville de Genève. Unterstützt von Dirty Debüt und ARC artist residency. Gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes und die Senatsverwaltung für Kultur und Europa.

Weitere Informationen & Tickets: www.schauspiel-leipzig.de, www.theaterdiscounter.de, www.theater-roxy.ch